Predigt aus Anlass der Verabschiedung Pfarrer Dr. Georg Bergner

Predigt am 30. Sonntag i.Jk. (A)
(St. Aegidius/ St. Martin, Bad Honnef)

Text: Mt 22, 34-40

Liebe Schwestern und Brüder,

Meine Zeit in Bad Honnef geht zu Ende. Der Abschied war geplant. Als Priester gehören wir fest zu einem Bistum, so dass mein Heimatbischof, der Erzbischof von Hamburg entscheiden kann, an welcher Stelle er mich einsetzt. Das Erzbistum Hamburg hatte mich so für die Dauer von zwei Jahren freigestellt, um meine Doktorarbeit in Bonn zu schreiben. Diese Zeit ist jetzt um, die Promotion ist abgeschlossen. Ich bekomme daher jetzt eine neue Stelle und werde zunächst bis zum Sommer Pfarradministrator in der Pfarrei St. Marien in Quickborn und soll anschließend Pfarrer in einer größeren Pfarrei, wahrscheinlich in Schleswig-Holstein werden. So weit so gut. Aber natürlich bleibt der Abschied von Ihnen. Viele haben mich in den letzten Wochen gefragt, ob ich eigentlich traurig bin, dass ich wieder aus Bad Honnef weg muss. Darüber musste ich erst einmal nachdenken. Wie das immer so ist: Auf der einen Seite freue ich mich, wieder in meine Heimat zurückzukehren; ich freue mich, meine Familie und meine Freunde wieder in der Nähe zu haben. Auf der anderen Seite: Ja, natürlich bin ich auch traurig. Als ich im September 2015 hierher gekommen bin dachte ich, dass ich komme um zu studieren und nebenbei ein paar Dienste in Ihrer Pfarrei zu tun. Im Rückblick würde ich sagen: Ich war bei Ihnen in der Pfarrei und habe nebenbei meine Arbeit geschrieben. Der Blickwinkel hat sich verändert. Dafür gibt es Gründe. Sie haben mich hier sehr freundlich aufgenommen. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt, neue Freunde gefunden, habe ein wenig vom rheinischen Katholizismus, von Ihren Traditionen und Festen mitgenommen. Sie haben da eine gute Integrationsarbeit geleistet. Noch ein paar Jahre und ich könnte mich vielleicht sogar für den Karneval begeistern.

Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar. Für mich waren die vergangenen zwei Jahre so etwas wie eine zweite Kaplanszeit - und Kaplan - das ist der beste Job, den man als Priester haben kann. Ich danke daher Ihnen allen für Ihre Unterstützung, ihre Mitarbeit, ihr Glaubenszeugnis und dafür, dass Sie mich auf- und angenommen haben.

(Ein zweiter Faktor, der für mich wichtig war, war die freundschaftliche, unkomplizierte und rücksichtsvolle Weise, in der mich Pfarrer Wachten in den Kreis der pastoralen Mitarbeiter und der Mitbrüder integriert hat. Ich habe davon nicht nur profitiert, sondern werde auch einiges für meine kommenden Aufgaben mitnehmen. Ausdrücklich danke ich für die Gemeinschaft dem ganzen Team, zu dem ich auch ausdrücklich die Kirchenmusiker, Küster, Pfarrsekretärinnen und Pfarrhaushälterinnen hinzuzählen möchte, außerdem die Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer der Realschule Sankt Joseph, des Gymnasiums Nonnenwerth und der Grundschulen, mit denen ich in den letzten Jahren viel zu tun gehabt habe. Besonders die vielen Gottesdienste und Begegnungen mit den Schülerinnen und Schülern haben diese Zeit auf positive Weise geprägt).

Nun werde ich also Pfarrer. Eine Aufgabe, die zur Zeit in der Krise ist, nicht nur im Erzbistum Köln, sondern genauso im Norden Deutschlands. Wir haben in unseren Dienstgesprächen immer wieder darüber gesprochen. Die Angst der Priester, aber ich glaube auch, vieler anderer ist, dass der Pfarrer immer mehr von internen Aufgaben in der Verwaltung und Gremienarbeit belegt wird und immer weniger Zeit für die Seelsorge hat. Der Bereich, in den ich jetzt kommen werde, hat etwa 20000 Katholiken. Die sechs Gemeinden im nordwestlichen Umland der Stadt Hamburg liegen alle 20-30 Autominuten voneinander entfernt. Wie kann da eine gute seelsorgliche Arbeit gelingen? Ich möchte Ihnen kurz von einer Begegnung berichten, die ich in der vergangenen Woche machen durfte - sie hat mit dem heutigen Evangelium zu tun.

Ich war mit dem Hamburger Priesterrat auf einer Bildungsreise in Marseille, in Südfrankreich. Eines Abends besuchten wir eine Pfarrei im Stadtbereich und begegneten dort Pfarrer Michel Roux und den Mitgliedern des dortigen Pfarrgemeinderats. Sie erzählten uns von der Arbeit und vom Leben in ihrer Pfarrei. Außer der Pfarrer und dem Kaplan gibt es keine hauptamtlichen Mitarbeiter, also auch keine Gemeindereferentin oder Pfarrsekretärin. Alles was geschieht, wird von Ehrenamtlichen unterstützt. Unsere Gastgeber kamen beim Aufzählen der Dinge, die ihre Pfarrei ausmachen an kein Ende. Wir waren beeindruckt von der Vielfalt und Fülle - wobei ich, nebenbei bemerkt glaube, dass diese auch in unseren Pfarreien vorhanden ist, wir erzählen nur nicht so oft davon… Irgendwann fragte ich den Pfarrer: Was ist eigentlich das Ziel Eurer Arbeit. Warum macht ihr das? Aus meiner früheren Tätigkeit in der Arbeit mit Konzepten und Pastoralprogrammen geschult, erwartet ich eine strukturierte Antwort, einen geheimen Plan, den der Pfarrer uns enthüllen würde. Aber er sagte nur: „Wisst ihr, wenn ich es richtig weiß, gibt es für uns nur ein Programm. Jesus hat gesagt: Geht hinaus in die Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Und darüber hinaus gibt es das wichtigste Gebot: Du sollst Gott und den Nächsten lieben, wie Dich selbst. Danach versuchen wir hier zu handeln. Daher haben wir hier zwei Schwerpunkte: Alles zu tun, um die Liebe zu Gott zu pflegen. Wir haben z.B. jede Woche eine Anbetung, die von 5 Uhr morgens bis Mitternacht geht. Dieses geistliche Tun ist unser Rückgrat. Und dann tun wir zweitens das, was dem Nächsten dient. Deshalb versuchen wir, möglichst wenig unter uns zu bleiben. Wenn wir ein Fest feiern, machen wir es immer mit unseren Nachbarn gemeinsam. Und wenn wir eine Not in unserer Nachbarschaft sehen, versuchen wir, darauf zu reagieren.”

Diese Antwort des Pfarrers war für mich erstaunlich simpel, aber auch erstaunlich überzeugend. Und einer aus dem Pfarrgemeinderat ergänzte: Wissen Sie, unser Pfarrer ist in seinen Möglichkeiten sehr begrenzt. Aber er hat uns etwas gegeben, was uns fehlte. Er hat uns geistlich inspiriert - alles, was wir heute tun ist daraus dann entstanden." Sicherlich, man kann Situationen aus einem anderen Kontext nicht einfach auf uns übertragen. Aber ich dachte mir: Das ist doch ein schönes Ziel - wenn die Menschen in der Pfarrei, in der Du einmal tätig bist das über Dich sagen, dann hast Du etwas Gutes erreicht. Diesen Impuls habe ich mitgenommen für die Zukunft.
Vielleicht müssen wir lernen, einfacher zu denken. Jesus gibt nie komplizierte Antworten. Er führt uns vielmehr immer zum Kern des Glaubens zurück.

Mal sehen, welche Dinge ich in den nächsten Jahren aus den Begegnungen mit Ihnen weitergeben werde. Da hat sich vieles Nachdenkliches, Heiteres, manchmal auch Skurriles angesammelt. Sie können sich ganz sicher sein, dass ich Sie nicht vergesse und ich hoffe, dass wir über das Gebet und darüber hinaus miteinander verbunden sein werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen Vertrauen, Zuversicht, Gelassenheit und in allem den Segen Gottes.